Rückblick

“Es steckt so viel drin, nicht nur Arbeit und Zeit, da hier jemand schreibt, der sein Inneres zeigt. Eigentlich weiß ich nicht, ob euch das wichtig ist. Ihr kümmert euch um euch, warum auch noch um mich? Es ist schwierig mein Ziel in Worte zu fassen. Ich will Spuren hinterlassen, die mein Leben ausmachen. Will was bewegen, zumindest ein Stück, ich bin schon verrückt und das war mein Glück. Aber wie soll das klappen, wenn keiner sieht oder hört was ich schrieb? Wer will sagen, dass es nicht stört, wenn sein Zeug niemand liebt? Jetzt mal ehrlich, ich mach das hier für mich, aber meistens brauch ich zum Zuhörn‘ auch ein dich.”
(Fiva – Jetzt mal ehrlich)

Spiel – Heimatgefühl

© Chris Noltekuhlmann

Ich weiß noch genau, damals, als ich die ganz kleine Hannah war. Ich habe mich so entsetzlich geschämt, wenn ich deutsche Musik hörte. „Oh nein! Jeder versteht diese Sprache! Jeder hier kann hören und sehen, wie verzweifelt ich diese Liebeslieder fühle!“
Immer, wenn keiner da war, habe ich ganz laut aufgedreht, und die herzzerreißende Sprache der Lieder entfachte in mir eine scheinbar grenzenlose Leidenschaft, mein höchstes Gefühl. Mir wurde klar: dort, wo ich mich für ein Gefühl schämen muss, kann ich nicht zu Hause sein.
Heimat bedeutet für mich wachsen, groß werden mit meinem Gefühl. Meine Heimat ist doch das süß lieblich eingerichtete Badezimmer, mit dem Zahnputzbecher aus Wien hier zwischen meinen Rippen. Das etwas unaufgeräumte Schlafzimmer mit dem großen Bett, Platz für große Träume, und den vielen Büchern am Nachttisch. Das etwas verwüstete dunkle Arbeitszimmer hier in meiner Brust.
Zuhause bin ich in mir. Und jeder Rollenfigur gebe ich ein Geschenk aus meiner Inneneinrichtung mit, wenn sie bei mir zu Besuch ist. Gut soll sie’s haben. Mein Haus ist dein Haus, flüstere ich immer zu Beginn, damit sie nicht allzu scheu über die Türschwelle tritt.

Hier habe ich gebaut! Stein auf Stein habe ich ganz allein gelegt. Bilder, die es von mir gibt, diese Erinnerungen, Enttäuschungen, Lieblichkeiten sind doch nur wie kleine Briefchen zwischen die Steine geklemmt. Wie die Schule. Die habe ich mit dem Abitur abgeschlossen, jedoch mit einem sehr hohen Anwesenheitsdefizit, denn Spaß hat es mir da nie gemacht. Stattdessen habe ich an meiner Meinung gefeilt und meine Ohren mit deutschem HipHop verwöhnt, was für mich ehrliche Musik war, damals, in einer aufgrund meines Alters noch nicht ganz so sprachlich internationalen Zeit. Vielleicht entstand dadurch auch mein Faible für deutsche Filme, auf die so viele schimpfen. Ich beschreibe mich selbst als eine gesunde Mischung aus erschaffendem und ausführendem Charakter. Das Erschaffende von Papa, das Ausführende von Mama. Sie sind beide Künstler, für mich Lehrer und Vorbilder, mit denen ich, mein älterer Bruder und meine jüngere Schwester, seit ich drei Jahre alt war, auf der Bühne standen.
Das Schieben auf Gelebtes erleichtert. Beugt Erklärungen und Auseinandersetzung mit sich selbst vor. Meine Eltern haben einen Großteil dazu beigetragen, diese Lebensart für mich entwickeln zu können. Nur mit einem sicheren Rückzugsort, an den du nicht gebunden wirst, kannst du einen neuen Ort wahrnehmen. Den Ort in dir selbst. Jedes kleine Bildlein, das meine Haut verdeckt, versteckt doch die, die ich jetzt gerade bin! Ihr fragt, was habe ich schon gemacht? Ich frage, reicht es nicht, dass ich jetzt gerade bin? Mein Gefühl ist so groß! Ja… Ich weiß, dass ich zu Hause bin.